Sowjetisches Erbe in Brandenburg. Ein Bericht vom Projekttag des Forschungskollegs

Narrative von Zeit und Raum in Mittel- und Osteuropa stehen im Mittelpunkt der Arbeit des Forschungskollegs „Europäische Zeiten“. Am 17. Juni 2022 trafen die beteiligten Wissenschaftler:innen und Mitarbeiter:innen zu einem Projekttag zusammen, bei dem der Umgang mit und die unterschiedlichen Deutungen von historischen Erbschaften in Brandenburg, damit einhergehende Grenzziehungen und (Selbst-)Verortungen sowie die Hinterlassenschaften autoritärer Regimes reflektiert wurden.

Zum Auftakt hielt die ukrainische Literaturwissenschaftlerin Oksana Pashko (EUTIM Research Fellow) einen Vortrag zum Thema „Poems, Notebooks, and Research Works of Students in Ukraine in the 1920s“ an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Pashko zeigte anhand zweier studentischer Biografien aus den 1920er-Jahren aus Kiev und Charkiw, wie sich zunehmender politischer Druck und Zensurmaßnahmen auf die akademischen und literarischen Karrieren und das persönliche Leben in der frühsowjetischen Ukraine auswirkten.

Es folgte eine Exkursion in die brandenburgische Stadt Fürstenwalde mit einer Führung des Osteuropa-Historikers Andrii Portnov, der sich in seiner Forschung mit Erinnerungs- und Denkmalkulturen im Kontext sich verändernder gesellschaftlicher und politischer Gegebenheiten befasst. Die Stadt an der Spree, die dieses Jahr ihr 750jähriges Bestehen feiert, betont heute vor allem ihr mittelalterliches und gründerzeitliches Erbe. In seiner Führung setzte Portnov den Fokus hingegen bewusst auf die Zeit nach 1945, in der in Fürstenwalde sowjetische Truppen stationiert waren und sich das Hauptquartier des Geheimdienstes in der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR befand.

Das Karl-Marx-Monument in Fürstenwalde. Foto: EUTIM

Ausgangspunkt der Stadtführung war das Karl-Marx-Monument im Fürstenwalder Stadtpark. Das Denkmal, bestehend aus einem Findling mit eingelassener Gedenktafel, war ursprünglich um 1900 zum Gedenken an den ersten deutschen Reichskanzler errichtet worden. Da dies nach 1945 politisch nicht mehr opportun erschien, wurde das Denkmal in den 1950er-Jahren umgewidmet und die alte Tafel durch eine Plakette zum Gedenken Karl Marx als „Held der Arbeiterbewegung“ angebracht, die jedoch nach der Wende einem Diebstahl zum Opfer fiel. Im Jahr 2002 wurde sie zum 120. Todestag von Karl Marx auf Initiative der örtlichen PDS von der Stadtverwaltung erneuert.

Gräber auf dem sowjetischen Garnisonsfriedhof im Stadtpark Fürstenwalde. Foto: EUTIM

Einige Meter entfernt davon befindet sich ein sowjetischer Friedhof aus den späten 1940er-Jahren. Auf dem eingezäunten Gelände befinden sich die Gräber von 137 sowjetischen Frauen, Männern, Kindern und Neugeborenen, die in den Jahren 1945-1950 verstorben sind. Am Eingang steht ein Findling mit eingelassener Plakette, die nicht mehr der ursprünglichen Tafel zu entsprechen scheint. Die Grabanlage wird noch gepflegt und zugänglich gehalten, allerdings fehlt ein großer Teil der Grabsteine, viele sind durch Witterungseinflüsse in einem schlechten Zustand. Der Friedhof ist beinahe versteckt gelegen, man findet in der Umgebung keine Hinweise auf ihn – in der Gedenkkultur Fürstenwaldes scheint er seit dem Ende der DDR an Bedeutung verloren zu haben.

Beim folgenden Gang durch die Stadt wies Portnov auf eine zu DDR-Zeiten angebrachte Gedenktafel am ehemaligen Ort der Synagoge von Fürstenwalde hin. Die Inschrift erinnert an die Zerstörung in der „Reichskristallnacht“ von 1938 hin und benennt als Täter „Anhänger der Nazibarbarei“ – eine Formulierung im Sinne der antifaschistischen Staatsdoktrin der DDR, die die Verantwortung für die NS-Verbrechen jedoch im Vagen hält, denn dort ist eben nicht von Fürstenwalder Bürger:innen oder früheren Parteimitgliedern die Rede.

Es folgte ein Stopp an einer weiteren Gedenktafel vor einer Jugendstil-Villa. Hier hatte von 1947 bis 1950 ein Gefängnis für politische Gefangene des sowjetischen Geheimdiensts NKWD befunden, in dem ungefähr 400 Personen aus Fürstenwalde und Region inhaftiert waren. Die Tafel, deren Anbringung 1993 von einem ehemaligen Gefangenen initiiert wurde, erinnert an die „Opfer der stalinistischen Gewaltherrschaft“ – die Insassen umfassten neben aus westlicher Kriegsgefangenschaft entlassenen deutschen Soldaten auch politisch verdächtige Bürgeri:nnen sowie ehemalige NS-Funktionär:innen.

Vor der Gedenktafel für die Gefangenen des früheren NKWD-Gefängnisses in Fürstenwalde. Foto: EUTIM

Portnovs Tour endete auf dem Ottomar-Geschke-Platz, der als zentraler und repräsentativer Platz ein besonders eindrückliches Beispiel für die Vielschichtigkeit der Geschichte Fürstenwaldes und der Region ist. Auf dem nördlichen Teil des Platzes befindet sich ein nach dem Zweiten Weltkrieg errichtetes großflächiges Ehrenmal für 500 Gefallene der sowjetischen Armee, das auch ein Massengrab umfasst. Zuvor hatte sich auf dem Areal seit dem 19. Jahrhundert ein Kriegerdenkmal für die Einigungskriege 1866/1870 sowie zwei Büsten der Kaiser Friedrich III. und Wilhelm II. befunden, die nach 1945 allesamt entfernt wurden. Wenige Meter daneben befindet das „Denkmal für die Opfer des Faschismus“, das Mitte der 1920er-Jahre als Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichtet worden war und nach 1945 verändert und umgewidmet wurde. Die „Opfer des Faschismus“ waren bis 1957 auch namensgebend für den Platz, der seitdem nach Fürstenwalder KPD-Mitglied, KZ-Inhaftierten und späteren Berliner Stadtrat Ottomar Geschke (1883-1957) benannt ist.

Ehrenmal für die Toten der Roten Armee auf dem Ottomar-Geschke-Platz. Foto: EUTIM

Die Führung vermittelte Einblicke in das vielfältige historische Erbe in Fürstenwalde. Dabei machte der Schwerpunkt auf die Zeit nach 1945 bewusst, wie sehr die Kultur des Erinnerns vom jeweiligen gesellschaftspolitischen Kontext abhängt – und darüber hinaus auch, dass zeitliche und räumliche Zuordnungen hierbei eng miteinander verknüpft sind. Wenn die Stadt heute eher ihr mittelalterlich-gründerzeitliches Erbe betont, betont sie zudem tendenziell ein „westlicheres“ Selbstverständnis, das mit Modernität assoziiert ist. Die sowjetische, „östliche“ Geschichte der Stadt, erscheint heute eher als etwas Überwundenes „von früher“, obwohl sie chronologisch weit weniger zurückliegt. Eine Rolle spielt dafür wohl auch das autoritäre Erbe der Sowjetzeit, das durch den Krieg in der Ukraine neu zu Bewusstsein gekommen ist.