(Un-)Gleichzeitigkeit und (Un-)Gleichheit: Zeitregime der kulturellen Teilhabe in Mittel- und Osteuropa

Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Erik Martin

zur Person
Bild: Wikimedia Commons

Im Forschungskolleg „European Times“ werden Regime und Narrative von Zeit und Raum an den Rändern Europas in den Blick genommen. Ausgehend von den Erfahrungen und Sichtweisen in den Gesellschaften Mittel- und Osteuropas sollen Konzepte von Alt und Neu, Ost und West mit ihren zeitlichen Grenzziehungen in Moderne und Gegenwart untersucht werden. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Phantomgrenzen und Phantomzeiten, den Erbschaften der plurikulturellen Kontinentalimperien, auf Transnationalismus und Grenzstudien, die es in den letzten Jahren ermöglichten, Osteuropas politische, soziale und kulturelle Erfahrungen für die breitere Europaforschung wiederzuentdecken.

Im Rahmen des Kollegs „European Times“ liegt das Ziel meines Projekts darin, einen interdisziplinären methodologischen Rahmen für Zeitregime auszuarbeiten. Ausgehend von Bachtins Konzept des Chronotopos und Lotmans Kultursemiotik wird zunächst die Pluralität lebensweltlicher, sozialer und institutioneller Eigenzeiten angenommen. Diese Eigenzeiten, implementiert in sozialen und kulturellen Ordnungen, produzieren einerseits bestimmte temporal codierte Ein- und Ausschlussnormen nationaler Teilhabe (z.B. nationale Memorialkulturen), kulturelle Hierarchien (‚modern‘/‚retrograd‘), soziale Emotionen (Zukunftsangst) und Modelle politischer Herrschaftslegitimation (postkommunistisch, postdemokratisch etc.) Andererseits haben diese Produktionsprozesse selbst eine ‚Binnenzeitlichkeit‘, die sowohl von medienmateriellen als auch sozialen und kulturellen Faktoren informiert ist (z.B. ‚Mühlen der Bürokratie‘ als Herrschaftsinstrument totalitärer Regime vs. ‚Echtzeit‘ wirtschaftlicher Kommunikation und Innovation etc.).

Zeitregime sind insofern Aushandlungs-, Übersetzungs- und Synchronisierungsprozesse zwischen den so gefassten Eigenzeiten. Sie können als equalistisches Austarieren von Interessen im Sinne der sozialen und kulturellen Teilhabe funktionieren, aber auch vorhandene Ungleichheiten weiter forcieren. Eine Prämisse des Projekts besteht darin, Modernisierung nicht nur als Geschichte eines dominanten (und aufoktroyierten) Zeitregimes zu begreifen (‚Great Acceleration‘), sondern auch als produktiven Austauschprozess diverser ‚ungleichzeitiger‘ Eigenzeiten in einer hybriden Zeitkonstellation zu analysieren.